Die Kreativität macht den Unterschied

Der Wirtschaftsprüfer arbeitet den ganzen Tag mit Zahlen und das sei staubtrocken, wird gemeinhin angenommen. Darauf pflege ich etwas humoristisch zu antworten, dass ich mich ganz im Gegenteil mit Interpretationen, Abwägungen und vor allem Argumenten beschäftige und gar nicht so sehr mit Zahlen; und dies erfordere sogar äusserste Kreativität. Sie zweifeln?

Lassen Sie mich Ihnen anhand eines aktuellen Beispiels aufzeigen, warum ich behaupte, dass Wirtschaftsprüfung viel weniger mit Zahlen als mit Kreativität zu tun hat, als Nichtberufsangehörige glauben wollen.


Art. 959c Abs. 2 Ziff. 5 OR besagt, dass der Anhang zur Jahresrechnung Angaben über Erwerb und Veräusserung eigener Anteile und die Bedingungen, zu denen sie erworben oder veräussert wurden, enthalten muss.

Art. 717 Abs. 2 OR besagt, dass der Verwaltungsrat die Aktionäre unter gleichen Voraussetzungen gleich zu behandeln habe.

Art. 698 Abs. 1 OR bezeichnet die Generalversammlung der Aktionäre als oberstes Organ der Aktiengesellschaft.

Im Handbuch der Wirtschaftsprüfung (HWP) von EXPERTsuisse (ehemals Treuhandkammer) wird der Artikel 959c Abs. 2 Ziff. 5 OR dahingehend interpretiert, dass das Unternehmen die Transaktionen mit eigenen Kapitalanteilen unter Angabe des jeweiligen Transaktionspreises im Anhang zu veröffentlichen hat.

Auf den ersten Blick scheint alles klar. Doch mir wird vom Kunden ein Anhang vorgelegt, in welchem die jeweiligen Transaktionspreise nicht gezeigt werden. Darauf angesprochen, erklärt der Kunde, dass er seine Aktionäre kenne und wisse, dass es durch diese Angabe böses Blut geben werde, da der Preis immer individuell ausgehandelt werde und auch durch Angebot und Nachfrage sowie durch den Umstand, dass nicht jeder Aktionär gleichviel Nutzen (strategische oder rein finanzielle Bedeutung) einbringe, bestimmt wird. Zudem würde zwischen Verkauf und Rückkauf eine Marge für die administrativen Kosten bestehen. Man befürchtet unendliche Diskussionen, Unfrieden und unbegründetes Misstrauen.

Also beginne ich an einer Lösung zu arbeiten. Denn ich weiss, dass ich einerseits dem Risiko unterliege, nicht dem Gesetz entsprechende Angaben zu testieren und andererseits den Kunden verlieren kann, weil wir unterschiedlicher Meinung bleiben oder er sich von mir, durch eine ungünstige Gesetzesinterpretation, in Bedrängnis gebracht fühlt.

Nun beginne ich nach einer Lösung zu suchen indem ich nach Fachpublikationen forsche, diese konsultiere und versuche, eine schlüssige Begründung zu finden, warum oder unter welchen Umständen die Anhangsangabe meines Kunden so testiert werden kann.

Nach reiflicher Überlegung gelange ich zu folgendem Schluss, der mir bei tiefem Risiko erlaubt, mein Testat abzugeben.

Ich bin der Generalversammlung der Aktionäre, um die es bei dieser Anhangsangabe auch geht, verpflichtet. Der Gesamtheit der Aktionäre und nicht zwingend jedem einzelnen. Die Aktionäre erwarten einen möglichst hohen Unternehmenswert. Wenn der Verwaltungsrat nun versucht möglichst viel aus dem Handel mit eigenen Anteilen zu lösen, dient er damit dem allgemeinen Aktionärsinteresse auf zumutbaren Kosten einzelner Aktionäre. Die Gleichbehandlung verlangt, Aktionäre unter gleichen Voraussetzungen gleich zu behandeln. Erstens finden die Transaktionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt, wodurch sich die Zukunftserwartung und somit der Unternehmens- und Aktienwert zwischenzeitlich verändert haben kann. Zweitens kann der Aktienverkauf an einen reinen Finanzinvestor nicht mit dem Aktienverkauf an einen strategischen Investor verglichen werden, von dem ich mir weitere, für das Unternehmen nützliche Kontakte und Beziehungen erhoffe. Bleibt also noch das Interesse aller Aktionäre, zu erfahren, ob der Verwaltungsrat überhaupt die finanziellen Interessen der Aktionäre gewahrt hat, also ob er durch seine Art des Handels mit eigenen Anteilen den Unternehmenswert gemehrt oder vermindert hat.

Mit meiner Argumentationskette kontaktiere ich den Verwaltungsrat meines Kunden und teile ihm mit, dass ich das Testat erteilen werden kann, sofern er wenigstens bereit ist, anzugeben, mit wie vielen gehandelten eigenen Anteilen er welchen Erfolg erzielt hat.

Der Verwaltungsrat der Gesellschaft ist zufrieden, berechnet den Erfolg, ergänzt seine Anhangsangabe entsprechend und erhält das Testat.

Wie Sie sehen, hat Wirtschaftsprüfung weniger mit Zahlen zu tun als viel mehr mit kreativen Lösungen und den entsprechenden Argumenten.

Sollten auch Sie mehr Interesse an der Lösung von scheinbar unüberwindbaren Problemen als an reinen Zahlendiskussionen haben, lade ich Sie freundlich ein, mich darauf anzusprechen.

Duttweiler & Partner Wirtschaftsprüfung AG

Gideon Roth

Leiter Wirtschaftsprüfung